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Nahrungsmittel der Zukunft

Von der Puppenlarve zum Fitnessriegel

Insekten essen? Auf diese Frage kommt fast ausschließlich ein angewidertes "Nein". Eine ganz andere Meinung vertritt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen. Sie ruft in einem Bericht dazu auf, mehr Insekten zu essen. Ein junges Start-Up aus Köln könnte dabei behilflich sein. // Von Jannis Lindner und Julius Abraham

15.03.2017//Die Grundidee von SWARM Protein (SP) entstand als Mutprobe in Südostasien. "Wir sind mit dem erklärten Ziel nach Asien gegangen, alles Mögliche zu essen, was nach Insekt aussieht", sagt Bäcker von SP. Dass das nicht ganz einfach sein wird, zeigte sich bald. "Zuerst haben wir auch das komplette Touri-Programm durchlaufen", erinnert sich Zeppenfeld, "aber wir haben lange gebraucht, um Insekten als normale Nahrung zu sehen."

Der UN-Bericht

Richtungsweisend für dieses Thema ist vor allem der UN-Bericht der UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) aus dem Jahr 2013. Darin wird dazu aufgerufen, mehr Insekten zu verzehren, da sie sehr gute Nährwerte besitzen. Sie sind sehr reich an Proteinen, ungesättigten Fettsäuren und Mineralien. "Einige Vertreter der Grashüpfer, Heuschrecken und Grillen können sogar bis zu 77 Prozent Protein enthalten", sagt Christina Rempe, Lebensmittelchemikerin beim aid infodienst in Bonn.

Insekten als Fitnessriegel? //Von Jannis Lindner und Julius Abraham

Vorteil der Insekten

Hinzu kommt, dass Insekten im Vergleich zu konventionellen Nutztieren (z.B. Rindern) sehr wenig Futter, Wasser und Platz brauchen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Insekten wechselwarme Tiere sind, also ihre Körpertemperatur nicht selbstständig regulieren, sondern die Wärme aus der Umgebung dazu nutzen. Das heißt, dass die durch die Nahrung aufgenommene Energie zu einem großen Teil in Masse, also Wachstum, umgesetzt werden kann. Gleichwarme Tiere wie Rinder, benötigen einen Großteil der Energie, um ihre Körpertemperatur konstant zu halten.

Der Durchbruch

"Unseren Durchbruch hatten wir in Laos, denn dort gab es ein fast unüberschaubares Angebot an essbaren Insekten", erklärt Bäcker. Allerdings dürfte in Deutschland nicht jeder dazu bereit sein, sich über mehrere Monate daran zu gewöhnen, Insekten als Nahrungsmittel zu akzeptieren, geben die jungen Gründer zu bedenken. Die Tiere mussten also weiter prozessiert werden, um ein Produkt zu haben, welches bei westlichen Konsumenten bereits akzeptiert ist. So entstand die Idee einen Fitnessriegel zu produzieren, der zu einem Teil aus Insekten besteht. "Diesen wollen wir in Zukunft auch auf Basis der Seidenpuppenlarve entwickeln, da diese in China bei der Seidenproduktion als Nebenprodukt anfällt", sagt Bäcker. Hier besteht die Aufgabe darin, die Industrie davon zu überzeugen, Lebensmittelstandards umzusetzen, um die Larve überhaupt als Nahrungsmittel weiter verarbeiten zu dürfen.


Timo Bäcker, Christopher Zeppenfeld und Daniela Geiger von SWARM Protein. //Quelle: SWARM Protein

Hohe Lebensmittelstandards

Damit sind aber noch nicht alle Probleme gelöst. "Die Ansprüche, die an neue Lebensmittel vor allem in Deutschland gestellt werden, sind sehr hoch", weiß Zeppenfeld. Vor allem bei Insekten ergibt sich aber noch das Problem, dass sie nicht explizit in der momentanen Lebensmittelverordnung als Nahrungsmittel aufgeführt werden. Das soll sich mit der neuen Verordnung ab 2018 ändern, denn dort sollen sie ausdrücklich als Lebensmittel benannt werden, wissen die Gründer.

Insekten, die Zukunft des Fleischkonsums?

"Ganz so einfach ist das nicht", meint Prof. Reinhard Predel von der Universität zu Köln. Der Principal Investigator des Zoologischen Instituts Köln glaubt nicht, dass Insekten den bisherigen Fleischkonsum in Industrie- und Schwellenländern befriedigen können. Das Hauptproblem ist, dass die Insekten, die in Ländern wie Laos oder Thailand von Touristen und Einheimischen gleichermaßen verzehrt werden, aus der Natur entnommen werden. "Die Menschen, die die Insekten fangen, betreiben extensive Landwirtschaft", erklärt Predel. Zum größten Teil leben diese Menschen auch als Selbstversorger und sorgen dafür, dass immer genügend Tiere übrig bleiben, um die Population nicht zu gefährden.

Neue Tiere, alte Probleme

Auf diese Weise lassen sich allerdings nicht genügend Rohstoffe für eine intensive Nutzung gewinnen. Die logische Folge wäre eine intensive Insektenzucht. Diese würde aber vor genau den gleichen Problemen stehen, wie die konventionelle Viehhaltung. "Sobald sich Geld damit verdienen lässt, tendiert der Mensch dazu, die Ressourcen zu stark zu beanspruchen", gibt Predel zu denken. Die Folge wären erhöhter Antibiotikaeinsatz und die Zerstörung der Umwelt. Dem pflichtet auch Christina Rempe bei: "Eine industrielle Zucht von Insekten würde bedeuten, dass Abermillionen von Tieren in einer Anlage umher krabbeln. Das macht den Einsatz von Arzneimitteln zumindest nicht unwahrscheinlich."

Die Gefahr der Allergiebildung

Außerdem stehen Insektenzuchten im Verdacht, die Bildung von Allergien bei Menschen zu fördern, die in direktem Kontakt zu den Insekten stehen, meint Predel. Das sei unter anderem durch die Art der Kommunikation der Insekten untereinander durch Pheromone bedingt. Auch Rempe hat hier Bedenken: "Da Insekten zum Stamm der Gliederfüßer gehören, könnten Konsumenten, die gegen Schalentiere allergisch sind, auch auf Insekten reagieren." Inwiefern sich das auf den Endverbraucher auswirken kann, ist noch nicht hinreichend erforscht. Belastbare Daten stehen hierzu noch aus.

Seidenpuppenverwertung

Die Idee der Seidenpuppe findet Predel erfolgversprechender: "Die Larven der Seidenpuppe sind ja bereits als Nebenprodukt vorhanden, man muss sie nicht erst für diesen Zweck züchten." Die konventionelle Tierhaltung wird sich in Zukunft verändern müssen, vor allem wenn bevölkerungsreiche Schwellenländer wie China oder Indien sich eine Fleischproduktion nach westlichem Vorbild aufbauen wollen. "Weitaus mehr Potenzial dürfte der Einsatz von Insektenmehl für die Fütterung von Nutztieren haben", sagt Rempe. Zur Akzeptanz der Insekten als Nahrungsmittel für Menschen sei es allerdings noch ein "langer und steiniger Weg".

Ein Artikel von Jannis Lindner und Julius Abraham, Technikjournalismus/PR 3. Semester

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Die Autoren

Jannis Lindner Julius Abraham

Jannis Lindner & Julius Abraham

SWARM Protein

SWARM Protein ist ein Start-Up-Unternehmen aus Köln welches von Timo Bäcker, Christopher Zeppenfeld und Daniela Geiger im Jahr 2015 gegründet wurde. Das Ziel der drei Unternehmer ist, Insekten als Nahrungsmittel in Deutschland zu etablieren. Dazu haben Sie einen Fitnessriegel entwickelt, der zum Teil aus den Larven der Seidenraupenpuppe besteht. Unterstützt werden sie von GATEWAY, dem Gründungsservice der Universität Köln. Am 01.03.2017 wird eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, Verkaufsstart der ersten Riegel ist für Mitte 2017 angepeilt.