Startseite / Redaktion / Suche / Kontakt / Impressum
 

Sehhilfe

Brille macht graue Welt wieder bunt

Menschen mit Farbenblindheit haben es oft nicht leicht. Sei es im Berufsleben, oder im Alltag. Eine Brille aus den USA soll Abhilfe schaffen. Sie basiert auf einer Technologie, die ähnlich wie eine Sonnenbrille Wellenlängen differenziert durchlässt. // Von Axel Hieronymus und Robert Lambrecht

24.2.2017// Farbsehschwäche ist eine Sehstörung, von der in Deutschland etwa 400.000 Menschen betroffen sind. Diese kann entweder durch Vererbung angeboren sein oder sich im Laufe des Lebens entwickeln. Dabei muss man zwischen drei Arten von Farbfehlsichtigkeiten unterscheiden: Wenn eine Person nur Graustufen wahrnehmen kann, sprechen Ärzte von Achromasie. Jemand, der aus dem gesamten Farbspektrum nur eine einzige Farbe erkennt, ist von der sogenannten Monochromasie betroffen. Die häufigste Farbsehschwäche ist aber die Dichromasie, bei der die betroffene Person zwei Farben, wie etwa Grün und Rot nicht klar voneinander unterscheiden kann.

EnChroma-Brille schafft Abhilfe

Wer unter einer Rot-Grün-Schwäche leidet, kann die Farben nicht differenziert sehen. Grund dafür ist, dass die so genannten Zapfen, für rotes oder grünes Licht zu nah beieinander liegen. Zapfen sind Sinneszellen, die im Auge für das Sehen, und die Wahrnehmung von Farben zuständig sind. Die Masse der Strahlung überfordert das Gehirn. Hier greift das Prinzip der EnChroma-Brille: Auf der Brille sind etwa 100 sehr dünne Schichten aufgebracht. Jede dieser Schichten ist ein Filter für eine Wellenlänge. Das Licht trifft mit allen Wellenlängen auf das Glas. Dieses reflektiert nun den Großteil der Wellenlängen, und lässt nur einige wenige durch. Wellenlängen, die sowohl von den Zapfen für rotes, beziehungsweise grünes Licht erfasst werden, werden so nicht durchgelassen. Wellenlängen, die von den Zapfen individuell erfasst werden allerdings schon. So beugt die Brille der Überflutung von Wellenlängen vor und hilft, die Farben Rot und Grün differenziert voneinander zu betrachten.

Probleme im Alltag

Der Pilotenberuf ist seit Jahren, vor allem bei den Jungen in den Top 3 der Traumberufe vertreten. Dies fand das Institut iconKIDS&Youth im Auftrag von LEGO city heraus. Bei Menschen, die von Farbsehschwächen betroffen sind, ist dies nicht möglich. Da ein Pilot zwischen einer Vielzahl von kleinen, bunten Lämpchen und Signalen unterscheiden muss, bleibt es den Betroffenen verwehrt, diesen Beruf zu erlernen. Ähnliche Probleme haben Lokführer, Schiffskapitäne oder Elektriker, weswegen diese Berufe ebenfalls "tabu" sind. Weitere alltägliche Probleme haben Betroffene zum Beispiel beim Autofahren. Sie können teilweise Bremslichter von anderen Fahrzeugen und Ampellichter nicht besonders gut wahrnehmen. Achromasie-Betroffene dürfen nicht einmal den Führerschein machen.

Technologie stößt an Grenzen

Die EnChroma-Brillen können nur Menschen mit einer Farbsehschwäche, aber nicht einer Farbenblindheit helfen. Bei der Farbblindheit fehlen dem Auge die Rezeptortypen der betroffenen Farben komplett. Die von der EnChroma-Brille gefilterten Wellenlängen würden auf keine Rezeptoren treffen, die die Information an das Gehirn weiterleiten könnten. Der Filter wäre nutzlos.
Ein weiteres Problem ist die Verdunklung der Gläser. Die EnChroma-Brille reflektiert eine große Anzahl der Lichtstrahlen, wie eine Sonnenbrille. Das beschränkt die Nutzung der Brille auf helle Orte. An sonnigen Tagen, oder in hellen Räumen ist das Licht stark genug. Sobald die Lichtverhältnisse allerdings schlechter werden, stößt die Technologie an ihre Grenzen.

Gibt es Alternativen?


Prof. Dr. med. Helmut Wilhelm, Facharzt für Augenheilkunde arbeitet seit 1984 an der Universitäts-Augenklinik Tübingen. Er sieht die EnChroma Produkte eher kritisch.

Helmut Wilhelm, Foto: privat

Welche Alternativen gibt es zu Brillen, die Farben wieder besser erkennen lassen? Taugen gefärbte Kontaktlinsen etwas?

Es gibt keine Lösung mit Filtergläsern, egal ob Brille oder Kontaktlinsen. Sie verschieben das Farbproblem, lösen es aber nicht. Es gibt eine Doktorarbeit aus unserer Klinik, die sich mit dem Thema befasst hat. Tests, bei denen es um Farbunterscheidung geht, werden mit Filtergläsern nicht besser gelöst.

Glauben Sie, dass sich solche Brillen, wie beispielsweise von der Firma "EnChroma", in Zukunft durchsetzen werden?

Das glaube ich nicht. Wenn man die Wirksamkeit einer Therapie belegen will, braucht man eine klinische Studie, die bestimmten Anforderungen genügen muss. Eine solche Studie könnte der Hersteller durchführen oder in Auftrag geben. Es ließen sich leicht Tests konstruieren, mit denen sich die Leistung bei der Farbunterscheidung im Alltag messen lässt. Aus theoretischen Überlegungen kann ich mir schwer vorstellen, dass eine solche Studie erfolgreich wäre.

Können Gentherapien solche Brillen in Zukunft eventuell überflüssig machen?

Da die Farbsinnstörungen genetisch determiniert sind, kann man sich natürlich eine Gentherapie vorstellen. Aber ich möchte den Farbsinngestörten kennen lernen, der sich einen Virusvektor unter die Netzhaut spritzen lässt. Er hat ja wie oben erwähnt im Alltag fast gar keine Probleme, volle Sehschärfe und gutes Kontrastsehe. Gentherapie ist invasiv, mit allen Risiken eines äußerst heiklen Eingriffs direkt an der Netzhaut, welcher durchaus zur Erblindung führen kann. Da klaffen Risiko und Nutzen sehr weit auseinander.

Axel Hieronymus und Robert Lambrecht, Technikjournalismus/PR, 3. Semester

Facebook

Kommentieren und bewerten 

Mit folgendem Formular können Sie den Artikel kommentieren und bewerten. Mit einem * gekennzeichnete Felder müssen ausgefüllt werden.

Ihr Name*
Ihre E-Mail-Adresse*
Bewertung des Artikels*
(1 Stern = schlecht / 6 Sterne = hervorragend)
Sicherheitsabfrage*: Bitte addieren Sie 3 und 6
Ihr Kommentar*

Die Autoren

 

Robert Lambrecht & Axel Hieronymus