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Sicherheit im Reitsport

Bewusst geschützt auf dem Pferd

"Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde" – Diesen Spruch kennen nicht nur Reiter. Der Reitsport zählt jedoch zu den gefährlichsten Sportarten, mitunter mit Todesfällen. Viele Institutionen setzen sich mittlerweile für mehr Sicherheit im Reitsport ein und die Reitausrüstung wird ebenfalls weiter entwickelt. // Von Christoph Vogels und Henrike Bürger

24.02.2017//Die Initiative "Ärzte im Reitsport" ist ein Beispiel, wie die Sicherheit im Reitsport erhöht werden kann. Für ihren Einsatz wurden sie für den diesjährigen PM Award von der Jury nominiert und belegten durch das öffentliche Voting im Oktober den ersten Platz. Der PM Award wird jährlich Personen und Vereinigungen verliehen, die sich besonders für den Reitsport eingesetzt haben. Die diesjährige Verleihung fand Anfang Dezember in Warendorf im Rahmen einer Gala statt. Das Projekt "Ärzte im Reitsport" aus einem Team von Medizinern und Reitern wurde im Februar 2010 durch den Club deutscher Vielseitigkeitsreiter (CDV) gegründet. Sie setzen sich für eine bessere und schnellere Versorgung an Turnierplätzen und Reitveranstaltungen ein. Darüber hinaus veranstalten sie regelmäßig Fortbildungen und Seminare, um so viele Ärzte und Rettungssanitäter wie möglich zu schulen. In den Kursen wird nicht nur Theorie über reitspezifische Aspekte der Unfall- und Notversorgung vermittelt, sondern auch sehr viel Wert auf praktische Beispiele gelegt, in Form von realistischen Unfallsimulationen "am Reithindernis". Die Referenten setzen sich aus fünf Experten zusammen. Dazu gehören auch der Mannschaftsarzt des Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) Dr. Manfred Giensch und die Vorsitzende des Club Deutscher Vielseitigkeitsreiter Nicole Sollorz. Die Initiative hat sich dafür eingesetzt, dass 2013 die Leistungs-Prüfungs-Ordnung (LPO) dahingehend verändert wurde, dass zu jeder Prüfung im Gelände ein erfahrener Arzt vor Ort sein muss, der sich mit der Versorgung schwererer Verletzungen auskennt.

Todesfälle im Reitsport

Die Initiative "Ärzte im Reitsport" wird von der Benjamin-Winter-Stiftung unterstützt. Vor zwei Jahren starb der deutsche Vielseitigkeitsreiter Benjamin Winter bei einem Turnier in Luhmühlen. Der junge Reiter gehörte zum Perspektivkader des DOKR und galt als großes Talent. Seine Familie gründete daraufhin die Benjamin-Winter-Stiftung. Das durch die Stiftung gesammelte Geld soll die Maßnahmen für die Sicherheit im Vielseitigkeitssport verbessern.
Kurz vor den Olympischen Spielen 2016 in Rio verunglückte die 19-jährige Caitlyn Fischer bei einem Vorentscheid für das Vielseitigkeitsreiten tödlich. Wenige Monate zu vor starb die 17 Jahre junge Olivia Inglis ebenfalls bei einem Unfall auf der Geländestrecke. Die beiden jungen Australierinnen sind bei weitem nicht die ersten Reiter, die im Vielseitigkeitssport tödlich verunglückt sind. Auch Leonie Stürz waren diese Todesfälle bekannt. Die 20-jährige Kölnerin sitzt seit ihrem achten Lebensjahr im Sattel und eritt sich 2014 den Titel der Kölner Dressur-Vizestadtmeisterin. "Es erschreckt mich zutiefst wenn Menschen in meinem Alter, während sie ihre Leidenschaft ausüben, zu Tode kommen", bedauert sie. "Januar 2015 hatte ich selbst einen Unfall mit meinem Pony, bei dem ich keinen Helm getragen hab", erzählt Stürz, "es gleicht einem Wunder, dass meinem Kopf dabei nichts passiert ist. Ich bin meinen Schutzengeln heute sehr dankbar und steige nur noch mit Helm aufs Pferd!"

Sicherheitsausrüstung

Video zum Thema Sicherheit im Reitsport von Henrike Bürger, Christoph Vogels

Viele Verletzungen können vermieden werden, indem man einen sicheren splitterfesten Reithelm trägt. Dieser war bis zu den 90er Jahren nicht üblich. Damals wurde eine einfache Reitkappe hauptsächlich der Optik wegen auf Turnieren getragen. Zu dem Zeitpunkt waren die Kappen auch nur mit einem Gummiband und nicht, wie heute, mit einer stabilen 3-Punkt-Gurt-Beriemung ausgestattet. Die Sicherheit spielte eine bedeutend geringere bis gar keine Rolle. Heute ist in den meisten Reitställen und auf allen Reitturnieren Helmpflicht. Inzwischen gibt es auf dem Markt eine große Auswahl bis hin zu High-End Helmen; mit einer Außenschale – die aus Kohlenstofffasern verstärktem Kuststoff besteht – eine Echt-Carbonkonstruktion. Diese "carbon shell technology" macht den Helm sehr leicht und extrem stabil.

In einzelnen Disziplinen bereits erhöhte Sicherheitsmaßnahmen

Im Vielseitigkeitssport ist es zudem Pflicht eine Sicherheitsweste mit BETA-Norm (British Equestrian Trade Association) zu tragen. Im Internationalen Spitzensport sieht man häufig zusätzlich eine sogenannte Airbag-Weste. Diese Weste lässt beim Sturz, innerhalb einer Sekunde, aus einer Kartusche Gas in die Polster der Weste strömen, was den Aufprall abfedert. Zusätzlich wählen viele Reiter Sicherheitssteigbügel. Am häufigsten sind Modelle mit einem Gummiband an der Außenseite oder mit Gelenken. Beide helfen bei einem Sturz vom Pferd rechtzeitig aus dem Steigbügel zu gelangen und nicht hängen zu bleiben. Das Modell mit Gelenken hilft zusätzlich Reitern mit Bänder- und Knieproblemen.

Weitere Präventivmaßnahmen

Aber nicht nur Helm, Weste und Steigbügel können die benötigte Sicherheit bieten, es gibt noch weitere Präventivmaßnahmen. "Man sollte vor dem Reiten ein Falltraining machen, dass man sich mit einer Judorolle bei einem Sturz abrollen kann", rät Professor Norbert Meenen, Sektionsleiter der Pädiatrischen Sportmedizin des Altonaer Kinderkrankenhauses und Gründer und Sprecher der Hamburger AG Reitsicherheit. Die Arbeitsgruppe, bestehend aus Medizinern, Ingenieuren und Reitern, verfolgt das gemeinsame Ziel, die Sicherheit im Reitsport zu erhöhen.
Wichtig ist es immer aufmerksam zu sein. Das sagt auch Leonie Stürz:"Pferde sind Fluchttiere, die sich erschrecken können. Sie können ebenso wie wir Menschen einen schlechten Tag haben und etwas launischer sein."

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Vielseitigkeitssport

Die Vielseitigkeit, seltener auch Military genannt, ist eine Disziplin im Reitsport, die sich aus je einer Dressur-, Spring- und Geländeprüfung zusammensetzt. Letzteres ist mit einem erhöhten Verletzungsrisiko verbunden, da die Hindernisse, im Gegensatz zum Springreiten, fest und nicht abwerfbar sind. Zum Großteil bestehen sie aus Baumstämmen, Gräben und Niveauhindernissen mit Auf- und Absprüngen.

Absprung an einem Niveauhindernis
Quelle: Henrike Bürger

Die Autoren

Henrike Bürger  Christoph Vogels

Henrike Bürger und Christoph Vogels